Rückenwind für den Alltag

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Pfingsten ist vorbei. Der Mai liegt hinter uns, der Juni hat begonnen. Einige Feiertage liegen in den vergangenen Monaten hinter uns, der Alltag läuft längst weiter: Termine, Arbeit, Schule, Familie, Einkäufe, Nachrichten, Gespräche, Verpflichtungen. Vieles geht direkt weiter - manchmal schneller, als uns lieb ist. Genau deshalb lohnt sich der Blick zurück auf Pfingsten. Denn Pfingsten ist mehr als ein verlängertes Wochenende. Mehr als ein schönes Fest im Kirchenjahr. Pfingsten erzählt davon, dass Gottes Geist Menschen in Bewegung bringt. Nicht irgendwann, nicht nur damals, nicht nur in besonderen Momenten, sondern mitten im echten Leben.

 

Die Jüngerinnen und Jünger damals waren keine Heldinnen und Helden. Sie waren verunsichert. Sie wussten nicht, wie es weitergeht. Sie hatten Fragen, Angst, vielleicht auch einfach keine Kraft mehr. Doch dann geschieht Pfingsten: Gottes Geist kommt. Und plötzlich wird aus Rückzug Aufbruch. Aus Schweigen werden Worte. Aus Einzelnen wird Gemeinschaft. Aus „Ich kann nicht mehr“ wird ein neuer Schritt nach vorne. Das finde ich erstaunlich nah an unserem Alltag. Auch wir kennen diese Momente: wenn der Kopf voll ist und der Tag trotzdem weitergeht. Wenn man funktioniert, obwohl innerlich wenig übrig ist. Wenn Nachrichten belasten, Aufgaben drücken oder Gespräche Kraft kosten. Wenn man stark sein möchte, aber eigentlich selbst Stärkung braucht.

 

Pfingsten sagt: Du musst nicht alles allein aus dir heraus schaffen. Gottes Geist ist keine ferne Theorie. Er ist die Kraft, die aufrichtet. Die uns sortiert, wenn alles durcheinander ist. Die Mut gibt, wenn Entscheidungen anstehen. Die Geduld schenkt, wenn der Alltag eng wird. Die uns Worte finden lässt, wenn wir sprachlos sind. Und die uns miteinander verbindet, auch wenn wir verschieden ticken, anders denken oder gerade nicht sofort einer Meinung sind. Manchmal wirkt dieser Geist ganz unspektakulär: in einer Nachricht, die gut tut. In einem ehrlichen Gespräch. In einem Menschen, der fragt: „Wie geht es dir wirklich?“. In einem Moment der Ruhe zwischen zwei Terminen. In dem Mut, um Hilfe zu bitten. Oder darin, selbst für jemanden da zu sein.

 

So wird Pfingsten alltagstauglich. Nicht als großes Feuerwerk, das einmal im Jahr kurz aufleuchtet und dann wieder verschwindet. Sondern als frischer Wind, der weiterweht. In unseren Häusern, Familien, Nachbarschaften, Schulen, Arbeitsplätzen und Gemeinden. Überall dort, wo Menschen einander stärken, zuhören, trösten, ermutigen und neu aufeinander zugehen.

 

Ich wünsche Ihnen und Euch offene Augen für diese Kraft Gottes: in kleinen Momenten, in stärkenden Begegnungen, in neuen Gedanken, in guten Worten und in allem, was Mut macht. Und wenn der Alltag mal wieder schneller ist als der eigene Kaffee wirken kann, dann hoffentlich mit einem Hauch Pfingsten im Rücken: ein bisschen frischer Wind, ein bisschen neue Kraft und jemand an der Seite, der mitgeht.

 

Ihre Marie-Christine Weidemeyer


Liebe Gemeindeglieder!

Manche Menschen beeindrucken nachhaltiger als gedacht. Kürzlich kamen mir Worte in den Sinn, die einst mein Grundschullehrer, Herr Leimbach, regelmäßig zum Besten gab. Er war noch einer von der ganz alten Schule. Ließ nichts durchgehen. Behandelte uns 8-jährige bereits wie junge Akademiker. Und wenn wir dann auf eine seiner Fragen vor uns hin stammelten: „… aber ich habe doch nur gedacht, dass, …“, dann schnitt er uns sofort den Faden ab und bellte: „Das Denken soll man den Pferden überlassen. Die haben nämlich größere Köpfe“. Zuweilen folgte der zweite tierische Spruch von eben jenen Geschöpfen, die man schon vor der Apotheke habe …. sehen. Bis heute vermag ich beide Sätze nicht wirklich zu verstehen. Vielleicht einfach deshalb, weil sie Unsinn sind. Dies beweist bereits der Blick ins Fernsehprogramm. Quizshows allerorten. Die Herren Jauch und Pilawa, flankiert von den Damen Karasek und Co. fragen einem Löcher in den Bauch. Bringen die kleinen grauen Zellen in Wallung und wollens aber ganz genau wissen. „Selberdenken macht klug“. Meinte später mein Lateinlehrer. „Was hast du dir dabei gedacht?“ Die empathische oder erstaunte Rückmeldung auf irgendeinen Bock, den man mal wieder geschossen hat. „Wo warst du nur mit deinen Gedanken?“ Ja. Manchmal möchte ich die Welt schon auch auf andere Gedanken bringen. Eine kleine Pause einlegen. Luft holen. In der Erinnerungs- oder Erfahrungskiste kramen. Erlebtes verknüpfen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung bemühen. Um dann erst das Ergebnis zu präsentieren. Der Kopf ist allein deshalb rund, damit die Gedanken auch mal die Richtung wechseln können. Stimmt auffallend. Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser. In einer Zeit, in der das Wissen der Welt sekundenschnell per Knopfdruck oder Touch zur Verfügung steht, scheint dies natürlich der bequemere Weg zu sein. Wird schon stimmen, was da geschrieben steht. Vielleicht. Aber nicht jeder hat mein Wohlergehen im Blick. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Dazu rieten einst die Väter der Aufklärung rund um den Herrn Immanuel Kant aus Königsberg. Denken macht unabhängig. Führt in die Weite. Lenkt den Blick in andere Sphären. Unser Schöpfer machte sich hundertprozentig auch so seine eigenen Gedanken, als er auf die Idee des Menschen kam. Nachdem die Lebensgrundlagen vorbereitet waren, er festen Boden unter den Füßen hatte und die Nahrungsaufnahme gesichert schien, schuf er ein Wesen, das Entscheidungen treffen konnte. Adam und Eva hatten stets die Qual der Wahl. Tatsächlich steckt in jedem Individuum ein Splitter der Gottebenbildlichkeit. Der Mensch als Teil des himmlischen Teams. Voller Würde, Fantasie und Schaffenskraft. Der Mensch als Machwerk Gottes. Ausgerüstet mit allem, was man braucht, um über die Runden zu kommen. Ein Körper, der durch den Alltag trägt. Eine Seele, die von der Liebe Gottes zeugt. Das Denken, welches ans Ziel bringt. Gott schmiss weder Adam noch Eva einfach so ins kalte Wasser. Vielmehr versorgte er sie mit allem, was sie brauchten. Rüstete sie nahezu perfekt aus. Hatte einfach die besseren Argumente. Die Tatsache, dass sie wegen eines Apfels in ziemlich heftige Turbulenzen gerieten, beweist doch nur, dass ein paar Überlegungen bereits damals gelohnt hätten. Um schlimmeren Schaden abzuwenden. Nachdenken zu können. In sich gehen. Um nicht sofort außer sich zu sein. Die normative Kraft des Faktischen zu verinnerlichen, Naturgesetze auszuhalten und anzuerkennen, dass die eigene Meinung oft nicht mehr als ein Bauchgefühl ist, erfordert Einsicht. Es gibt außer mir noch andere. Durch Jesus kam Respekt in die Welt. Sein Reden und Handeln veredeln das Denken. Verschieben Akzente und zeichnen den Menschen aus. Wer immer wieder auch aus dem Herzen spricht, liebevoll werkelt und im Glauben lebt, macht nichts falsch. Der hat dabei garantiert eine Menge Spaß. Obwohl - Probieren geht über Studieren.

 

Ihr

Hilmar Jung


Liebe Gemeindeglieder,

 

wo sind Sie eigentlich gerade mit Ihren Gedanken? Noch ist kalendarisch Sommer. Die Tage lang. Temperaturen angenehm und der Möglichkeiten viele. Manche erinnern sich zurück an einen herrlichen Urlaub an der See. Nord, Ost oder Süd. Reine Geschmackssache. Und ob man 24 Stunden das Meer direkt vor der Haustür will. Andere zog es in die Berge. Pubertierende Teenager inklusive, die vom Wandern und festem Schuhwerk eher weniger begeistert waren. Doch auch da soll es Ausnahmen geben. Einige stiegen in den Flieger, um sich unter südlicher Sonne zu erholen. „All inclusive“ als Rundum-sorglos-Paket für die kostbarsten Wochen im Jahr. Der ein oder andere blieb im Lande und nährte sich redlich. Unternahm kleine Ausflüge in die Gemarkung. Gönnte sich den Edersee. Zeltete am Diemelsee. Machte ab nach Kassel, um im ALEX auf der Königsstraße die Passanten zu beobachten. Dabei einen Eisbecher XXL löffelnd. Ein paar buchten Ferien auf dem Bauernhof. Packten mit an und genossen die Idylle. Streichelten kleine Kälbchen. Fütterten die Ferkel. Oder umgekehrt. Wieder andere machten Ferien auf Balkonien. Bei der Oma im übernächsten Dorf. Jeder nach seiner Fasson. Es soll allerdings auch Leute geben, die mit Sommerfrische, Erholung und Urlaub so gar nichts anzufangen wissen. Vielleicht klingt denen noch die Stimme der verstorbenen Schwiegermutter im Ohr: „Müsst ihr dann alszus in der Weltgeschichte rumgondeln!?“ Geschenkt. Aus. Vorbei. Der Alltag hat uns wieder. Die Schüler lernen. Studentinnen studieren. Arbeiter arbeiten. Landwirte kümmern sich um die Ernte. Alles hat nämlich seine Zeit. Dabei liegen Aufbrüche, Veränderungen, Ortswechsel und Reisen nun mal in unserer DNA. Aus gutem Grund. Die Bibel steckt tatsächlich voller Geschichten von Menschen, die Haus und Hof verlassen, um woanders neu anzufangen. Selten aus Jux und Dollerei, sondern weil sie von Gott dazu inspiriert oder gar aufgefordert wurden. Adam und Eva zum Beispiel. Nach der Apfel-Affäre müssen sie buchstäblich über Nacht und nur mit dem Nötigsten bekleidet das Paradies räumen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Sie werden künftig im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen. Abraham soll die angestammte Heimat verlassen, um woanders Wurzeln zu schlagen. Sein Glück zu finden. Dort, in der Fremde, wird er gebraucht. Josef und seine Brüder schlagen in Ägypten ihre Zelte auf. Werden heimisch. Aus purer Not. Das Volk Israel wird später von Mose aus der Sklaverei ins gelobte Land geführt. Dorthin, wo Milch und Honig fließen. Schöne Aussichten! Zunächst. Aufbruchsstimmung allerorten. Permanente Veränderung. Reger Verkehr. Wenig Stillstand. Man nennt Israel deshalb auch „das wandernde Gottesvolk“. Passt. Unser Leben ist schließlich nur Zwischenzeit. Bloß ein vorübergehender Zustand. Keine Dauerlösung. Auch Jesus kehrt dem beschaulichen Nazareth den Rücken, um die frohe Botschaft vom liebenden Gott unter die Leute zu bringen. Nur Stubenhocker lassen die Kirche im Dorf und scheuen den Blick über den Tellerrand hinaus. Deshalb verpassen sie so einiges. Nicht umsonst reden wir vom „Lebensweg“. Unser Dasein ist permanente Bewegung. Von einem Punkt zum anderen. Bestenfalls zielorientiert. Dazu gibt’s gratis die Luftveränderung. „Wo Gott einen aussät, muss man blühen.“ So lautet ein Vers fürs Poesiealbum. Stimmt. Ich kann mir weder meine Eltern noch Zeit und Ort meiner Geburt aussuchen. Es kommt, wie es kommt. Feste Plätze gibt es nur im Theater oder Fußballstadion. Manchmal muss man länger suchen, bevor man seine Position findet. Ja. Der Mensch braucht Ruhe. Aber zugleich auch die Unruhe, um sich zu entfalten. Wer rastet, der rostet. Wer sich nicht bewegt, spürt auch seine Fesseln nicht. Leben ist kein Verharren auf festen Plätzen oder Positionen. Leben ist Bewegung. Meint Veränderung. Man darf auch mal über sich hinauswachsen. Über den eigenen Schatten springen. Sogar ins kalte Wasser. Oder nur etwas wollen. Auf geht’s.

 

 

Ihr Hilmar Jung


„Sag mal, wie oder was ist Gott für dich?“

Liebe Leserinnen und Leser,

 

welche Vorstellung haben Sie von Gott? Keine einfache Frage. Vielleicht haben Sie schon öfter darüber nachgedacht, vielleicht ist die Frage ganz neu für Sie. Die Bibel steckt voll von verschiedenen Gottesbildern. Sei es ein Vater, eine Mutter, ein Hirte, eine Burg, das Licht, ein Adler, eine Henne, ein König oder schlicht die Liebe. Diese Vielfalt macht deutlich, dass es nicht das Einzigwahre für alle gleichsam richtige Gottesbild gibt. Dennoch stecken sie in unseren Köpfen – unsere ganz eigenen Gottesbilder. Und ich finde, wir brauchen sie auch. Für den eigenen Glauben, das Vertrauen in Gott oder kurze, göttliche Momente mitten im Alltag. In der Grundschule sagte ein Schüler mal zu mir: „Dann ist Gott für mich wie Pizza. Er tut mir gut und hält mich warm.“ Ein Gottesbild, das es in gewisser Weise auf den Punkt und ebenso zum Schmunzeln bringt.

 

Ende März fand ein Konfitag zum Thema „Gott und Gottesbilder“ statt. Auf ihre eigene Weise, mit ihrer Meinung und Vorstellung haben sich die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden damit auseinandergesetzt, wie sie sich Gott vorstellen, was Gott für sie bedeutet und wie das im ganz alltäglichen Leben spürbar ist. Im Verlauf des Konfitags hatten sie die Aufgabe, das auch kreativ umzusetzen und  ihr eigenes Gottesbild auf Leinwänden zu gestalten. Ausgestattet mit verschiedenen Materialien, Stiften und Farben ging es los. Dem einen ist schnell etwas eingefallen, der andere hat etwas länger gebraucht. Und doch ist keine Leinwand weiß geblieben. Es sind ganz unterschiedliche Bilder entstanden. Keines gleicht dem anderen. Jedes Bild zeichnet sich durch ganz persönliche Gottesvorstellungen aus.

 

Es war für mich beeindruckend zu sehen, wie einzigartig die Leinwände sowie die Gottesvorstellungen der Jugendlichen waren und wie klar sie ihre Bilder erklären konnten. Es steckt eine Gottesvorstellung in den Jugendlichen sowie eine Frage nach Gott oder nach dem Sinn des Glaubens im Alltag. Man muss sie nur danach fragen oder ihnen die Möglichkeit geben, kreativ damit umzugehen.

All das zeigt für mich wie unterschiedlich jede und jeder Gott im Leben wahrnehmen kann und wie individuell es ist, was Gott bedeutet. Gott ist nicht nur an diesem einem Ort, in genau dieser bestimmten Situation, unter diesen besonderen Bedingungen zu spüren – sondern immer und immer verschieden! Ebenso ist die eigene Gottesvorstellung oft nicht gleichbleibend, sondern verändert sich mit den Jahren und Erlebnissen des Lebens. Sicher ist: Gott ist da. Auf den verschiedenen Wegen des Lebens. Mal spürt man es mehr, mal weniger. Aber: Gott ist da. Zum Ende des Konfitags lagen alle Gottesbilder der Jugendlichen in einem großen Rahmen. Doch ein Platz in diesem bunten Rahmen war frei – als Symbol dafür, dass sich das eigene Gottesbild auch mal verschieben, sich verändern oder ein neues Gottesbild hinzukommen kann. Als Symbol für die Freiheit, die der Glaube schenkt. Vielleicht möchten Sie diese Frage auch mal für sich beantworten oder kreativ gestalten: Was oder wie ist Gott für mich? Ich bin sicher, Ihnen fällt etwas ein! Amen.

 

 

P.S.: In der letzten Ausgabe des Gemeindebriefs waren nur die Namen der neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden 2025/26 zu lesen. So können Sie nun sowohl die Gottesbilder als auch die Künstlerinnen und Künstler sehen.


Liebe Gemeindeglieder!

Es ist vollbracht. Wir haben gewählt. Den 21. Deutschen Bundestag. Nun gilt es, damit zu leben. Demokratisch getroffene Entscheidungen sind Ausdruck meiner ganz persönlichen Freiheit. Deshalb mag ich Wahlen. Sei es die zwischen Sekt oder Selters. Frühgottesdienst oder Spätkirche. Schnitzelbüffet oder Salatauswahl. See oder Berge. Barfuß oder Lackschuh. Ganz oder gar nicht. Doch wer die Wahl hat, hat die Qual. Lieber Marie - Christine Weidemeyer oder Hilmar Jung? Also kurz und knackig oder besser üppiger Barock? Eher Uwe Holst und Bach oder doch eher Tims „Narrhallamarsch“. Den Verdauungsspaziergang oder das schlechte Gewissen auf dem Sofa. Ihre Entscheidung! Wählen ist Verantwortungsübernahme. Im Kleinen wie im Großen. Vor der eigenen Haustür oder dem fernen Berlin. Dafür sind wir mit durchaus feinen Antennen und Sensoren ausgestattet. Mit Herz und Verstand. Dem Bauchgefühl oder den Bauchschmerzen. Folglich will eine Entscheidung gut überlegt sein. Wer sich vermeintlich verwählt hat, kann dies nicht immer sofort korrigieren. Der hat den Salat. Es sei denn, er besitzt ein Tastentelefon. Es macht sicher anatomisch Sinn, dass das Gehirn nicht tiefer gelegt wurde. Im Shakespeare’schen Drama „Romeo und Julia“ wirft Pater Lorenzo dem schwer verliebten Knaben vor: „Die Jugend hat die Liebe nur in den Augen. Aber nicht im Herz“. Recht hat er. Der Schein trügt. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das, was mancher auf den ersten Blick schon für die Sache selbst hält, geht wahrlich ins Auge und zu wenig zu Herzen. Man lässt sich gerne blenden von den Strahlen der Sonne. Ach, wenn man doch immer wüsste, wie die Wahl ausgeht und kennte das Endergebnis! Die Wahl ist eine Qual. Der Mensch ist darin Mensch, dass er sich entscheidet.

 

Ob Jesus auch das Endergebnis kannte, als er sich seine Freunde auswählte? Nach welchen Kriterien ging er da vor? Man mag streiten, ob er dabei ein glückliches Händchen bewies. Ob er ein Menschenkenner oder bloß ein Menschenfreund gewesen ist. Jedenfalls hatte er stets gern mit denen zu tun, die aus dem Rahmen fielen, vom rechten Weg abgekommen waren oder Gottes vergessene Kinder zu sein schienen. Seine Mannschaft bestand zunächst aus 12 Freunden, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Seine Follower. Die erstbesten. Aber er hatte sich für sie entschieden. Vertraute ihnen - und daher so manches an. Das Evangelium. Die Nachfolge. Seine Kirche. Jesus nahm sie mit auf den Weg, den er zu gehen hatte. Und hatte sich selber längst entschieden, den Kelch bis zur bitteren Neige zu trinken. Sein Entscheidungskriterium war die Liebe. Die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, aus der niemand herauspurzeln konnte. Das wusste er. Liebe ist alles. Ohne Liebe ist alles nichts. Sie rückt zurecht, was aus dem Rahmen zu fallen droht. Sie bringt zurück, was vom rechten Weg abgekommen ist. Sie macht heil, was nach Trost dürstet. „Kommt her, ihr seid geladen. Der Heiland rufet euch“. So heißt es in einem Abendmahlslied. Gott lädt ein zu seinem Fest. Und wir dürfen kommen. So wie wir sind. Mühselig und beladen. Mit Stolz und Vorurteil. Aufrecht und unerschrocken. Klein und gescheitert. Im Abendmahl hat Gott sich längst für uns entschieden. Er möchte, dass wir leben oder wieder Freude am Leben gewinnen. Wir dürfen in seine Nähe kommen, um uns gesagt sein lassen, dass er mit uns zu tun haben will. Im Abendmahl, da zeigt er’s uns so richtig. Dass wir eben erste Wahl sind. Der Schöpfer liebt sein Geschöpf und gibt es nicht leichtfertig an die Welt verloren, die die Menschen so gerne in Gewinner und Verlierer einteilt. Am Tisch des Herrn sitzt der Verräter neben dem Stillen. Der Duckmäuser neben dem Mitläufer. Der Leidenschaftliche neben dem Lappen. Da sind die Unterschiede aufgehoben. Am Tisch des Herrn geschieht Versöhnung. Ich muss nicht bleiben, wie ich bin, sondern kann werden, wie Gott mich gemeint hat. Gott lädt ein zum Fest des Lebens. Und wir sind dabei wahrlich allererste Wahl.

 

 

 

Ihr Hilmar Jung


Liebe Leserinnen und Leser,

Weihnachten. Das schönste Fest für viele. Vielleicht, weil es so sinnlich ist. Weihnachten ist mit allen Sinnen zu feiern. Weihnachten lässt sich sehen und hören, schmecken, riechen und fühlen. Es ist nicht nur etwas für den Verstand. Weihnachten feiert man mit Leib und Seele. Ich möchte Sie mitnehmen auf eine weihnachtliche Reise, eine Weihnachtsreise mit allen fünf Sinnen.

 

Wie hört sich Weihnachten an? Weihnachten, das sind Glocken, die von den Kirchtürmen zu den Gottesdiensten rufen. Weihnachten das ist Gesang. „Oh du fröhliche“, „Ihr Kinderlein kommet“ oder „Stille Nacht“. Weihnachten sind Lieder, die man jedes Jahr im Radio, auf Weihnachtsmärkten oder bei einem gemütlichen Abend hört: „Jingle Bells“, „White Christmas“ oder, ja ich wage es zu sagen, „Last Christmas“.  Das war damals bei der ersten Weihnacht der Gesang der Engel. Der Gesang, der die Hirten aus ihrem Schlaf geweckt hat: Gloria in excelsis deo. Weihnachten sind Trompeten und Posaunenklänge. Das ist aber auch das „Ah!“ und „Oh!“ beim Geschenkeauspacken, das ist Kinderlachen. Weihnachten ist das Blöken von Ochs und Esel im Stall und der Schafe, die mit den Hirten gekommen sind. So hört sich Weihnachten an. Viele vertraute Klänge – für Leib und Seele. Ja, so ist es. Aber Weihnachten hört sich auch noch anders an. Weihnachten ist die Stille jenseits der Stadt. Ist das leise Atmen des neugeborenen Kindes in der Krippe. Ist das Flüstern der staunenden Eltern, die den Kleinen nicht wecken wollen.

 

Und wie sieht Weihnachten aus? Weihnachten ist rot und grün. Zumindest bei ganz vielen. Tannenschmuck. Rote Kerzen. Weihnachten glänzt. Die Lichter überall. Die bunten Kugeln am Baum. Das Lametta – ja, früher war mal mehr davon. Weihnachten sieht üppig aus, das ist nichts für Asketinnen und Asketen. Weihnachten ist Überfluss, ist oft mehr, als man braucht. Und Weihnachten ist die Zeit der feinen Kleider. Von Samt und Seide. Von Gold und Glitzer. Ja, auch. Aber Weihnachten ist auch noch anders. Weihnachten ist arm und improvisiert. Die Futterkrippe der Tiere wird gerade mal zum Bett für das Kind umfunktioniert. Das Stroh vertritt Matratze und Laken. Weihnachten ist dunkel wie ein nächtlicher Stall, der nur von einem kleinen Licht einer Laterne erleuchtet wird. Und natürlich von einem großen Stern.

 

Und wie riecht Weihnachten? Weihnachten riecht nach Punsch und Glühwein. Nach Gänsebraten oder Würstchen mit Kartoffelsalat. Nach Lebkuchen. Nach Streichhölzern. Nach Tannenzweigen. Und Kerzen aus Bienenwachs. Ja, auch. Aber Weihnachten riecht noch anders. Süß wie ein Neugeborenes. Und nach der Landluft eines Stalls. Nach Tieren – Ochse, Esel und Schafe. Weihnachten riecht nach Stroh und Heu. Nach vielen Menschen, die sich auf den Weg zur Krippe machen. Nach Bescheidenheit und Liebe.

 

Und wie – als letztes – schmeckt Weihnachten? Süß. Auf jeden Fall süß. Nach Plätzchen oder Pudding. Vereint mit köstlichen Gewürzen – mit Zimt und Kardamom, mit Nelke und Anis, in Lebkuchen und Spekulatius. Köstlich auf jeden Fall. Und dann kommen für die meisten noch die ganz typischen Geschmacksrichtungen dazu – je nachdem, welches Essen traditionell gekocht wird. Viele von uns lieben diesen Geschmack, der nach früher schmeckt. Nach der Zeit, in der wir Kinder waren. Jedes Jahr wundern wir uns wieder über die Mengen, die auf dem Tisch stehen und gegessen werden wollen – aber gleichzeitig wissen wir: Weihnachten ist nicht die Zeit zum Fasten. So schmeckt Weihnachten. Auch. Aber auch ganz anders. Weihnachten schmeckt nach dem letzten Rest vom Brot, das für die Reise nach Bethlehem mitgenommen wurde. Nach Wasser aus einem Bach oder einem Schluck ehrlichem Landwein. Vielleicht nach ein paar Oliven, die sich im Beutel noch gefunden haben. Weihnachten schmeckt vielleicht nach Schafsmilch, die die Hirten mitgebracht haben. Einfach und karg.

 

Weihnachten. Ein Fest für alle Sinne. Und doch zeigt dieses Fest ganz schlicht und einfach: Das Leben ist erschienen. Das Leben mit all dem, was dazugehört. Leibliches, sinnliches und wahrnehmbares Leben. Der himmlische Gott bleibt nicht in seinem Himmel, sondern wird ganz und gar irdisch. Ein Mensch wie wir. Mit allem Glanz und allem Elend eines menschlichen Lebens. Das ist das Wunder der Weihnacht. Nichts Menschliches ist Gott mehr fremd. Das war es nie. Aber damit wir es auch begreifen, wird Gott Mensch. Und teilt unser Leben. Ganz handfest. Gott ist Mensch geworden.

Gemeinsam mit ihm werden die Menschen eine Gemeinschaft. Mit Gott. Auf dieser Erde. Und zwar alle Menschen. Gott führt in dieser Heiligen Nacht Menschen zusammen, die sonst nichts oder nur wenig miteinander zu tun hatten. Doch alle sind sie da – im Stall. Alle, so wie sie sind. Die göttliche und besondere Atmosphäre dieses Stalls löst sie auf – die Vorurteile, die Verurteilungen, die gesellschaftlichen Grenzen. Mit einem kleinen, zarten Kind in der Krippe, das mehr Geborgenheit ausstrahlt, als alle Anwesenden zusammen. Lassen wir sie in unsere Welt – die Wärme, das Licht, die Liebe. Alle Jahre wieder. 

 

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches und gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise ihrer Liebsten und einen guten Rutsch ins neue Jahr 2025!

 

 

Ihre Marie-Christine Weidemeyer 


Liebe Gemeindeglieder!

Inzwischen gehöre sogar ich zur Zielgruppe „60plus“, die einst uneingeschränkten Zugang zu den Seniorennachmittagen in der Bunstruth hatte. Als unsereiner zur Welt kam, lebte noch die Tochter des letzten deutschen Kaisers. Inge Meysel stand am Anfang ihrer Fernsehkarriere. Wir Dorfkinder besuchten die Volksschule. Machten mittlere Reife. Besonders kluge Mädchen das „Puddingabitur“. In den Sommerferien verreiste man zur Tante zwei Ortschaften weiter. Im Herbst wurde geschlachtet. Ein Telefon besaßen Pfarrer, Bürgermeister und der größte Landwirt. Abends traf man sich an der Milchbank. Sonntags im Gottesdienst. Im Theater trugen die Damen lang. Und Samt. Schwer wie ein Brokatvorhang. Ansonsten die Herren die Haare kurz. Den Dutt die Oma. Das kulturelle Angebot bestritt der Gemischte Chor. Einmal am Tag fuhr der Bus in die nahegelegene Großstadt. Das erste Abendmahl am Tag der Konfirmation. Die Sommer heiß. Die Winter kalt. Ja. Das war sie. Die gute, alte Zeit. Als es noch das Sparbuch und richtig fetten Speck gab. Die gute, alte Zeit, wie ich sie mir in der Erinnerung einrichtete. Doch die Erfahrung lehrt, nichts ist beständiger als der Wandel. Menschen kommen und gehen. Generationen wechseln die Position. Einstellungen und Aufstellungen. Über kurz oder lang werden aus Kindern Leute. Aus Eltern Großeltern. Aus Arbeitnehmern Rentner. Nur wenig bleibt, wie es ist. Nutella. Zum Beispiel. Regeln. Spielregeln. Vorschriften. Oder die Sehnsucht der Menschen, ihren Platz im Leben zu finden. Eine Rolle zu spielen, ohne Schauspieler zu sein. Lieben zu dürfen. Geliebt zu werden. Gesehen zu sein. Beachtet. Geachtet. Unterschiedlich nur die Wahl der Mittel, sich gehörigen Respekt zu verschaffen. Vielleicht ein paar Spuren zu hinterlassen anstatt immer nur die berühmte Delle im Sofa. Man kann heutzutage so vieles falsch machen. Doch wer weiß, was richtig ist? Traditionen, Gepflogenheiten und Routine bieten durchaus Sicherheit. Bewahren davor, das Rad täglich neu erfinden zu müssen. Klar. Es gibt ein Recht auf eigene Fehler. Manche Erfahrung muss man schon selber machen. Das gehört zum Erwachsenwerden und -sein dazu. Menschen sollen Entscheidungen treffen dürfen. Eine Errungenschaft der Demokratie und Ausdruck großer Freiheit. Jesus ließ die Menschen auch immer schon mal machen. Urteilte und beurteilte nicht per se. Überwand Vorurteile und gab Raum zum Nachdenken. Jesus war einer mit dem Plan B in der Tasche. Dachte mit dem Herzen. Siebte viele Meinungen durch und schlief mal eine Nacht drüber. Hörte sich Geschichten an. Verwickelte in ein Gespräch. Und oft merkten die Leute gottseidank selbst von sich aus, was Sache ist. Kamen drauf, wie der Hase in Zukunft besser läuft. Es ist wahrlich nicht leicht, ein Mensch zu sein. Das war schon immer richtig schwer. Deshalb sollten wir es uns nicht noch schwerer machen.  Menschen brauchen Menschen. Zu zweit ist man weniger allein. Das dürfen wir nicht verlernen. Glück kann man zwar googeln, aber nicht bei Amazon bestellen. Ein Like ersetzt keine Umarmung. Und ein Selfie vom Frühstücksbüffet des Fünfsternehotels macht niemanden satt. Leben spielt sich im Alltag ab. Unter Menschen. Mit ihren Stärken und Schwächen. Klar. Manche sähe man zuweilen lieber auf dem Mond als direkt vor einem in der Schlange an der Rewe - Kasse. Das ist zuzumuten. Und auszuhalten. Nichts muss bleiben, wie es ist. Also könnte ein Schritt auf den anderen zu der Anfang von etwas ganz Großem sein. Mal über den eigenen Schatten springen, statt ständig nur aus der Haut zu fahren. Brenzlige Situationen mit Humor meistern und mein Gegenüber zum Lachen bringen. Man muss es ja auch nicht gleich übertreiben mit der Nächstenliebe. Doch Christen sind stets für eine Überraschung gut. Die können nämlich immer auch anders. Anders geht’s nicht.

 

Ihr

 

 

Hilmar Jung


„Gottes Geist weht wie er will!“

Mitte Mai haben wir Pfingsten gefeiert. „Pfingsten. Was ist das nochmal?“ - eine Frage, die ich immer öfter höre. Eine Frage, die aber auch gar nicht so leicht zu beantworten ist. Was bedeutet Pfingsten eigentlich? Was zeigt uns dieses besondere Fest auch heute noch? Ich glaube, Pfingsten ist Ermutigung für die Ängstlichen; Befreiung der Eingeschlossenen und Aufbruch der Lebendigen. Pfingsten bedeutet Begeisterung für das Leben zu spüren und Freude an Kommunikation zu leben – in einer Sprache, die jede und jeder verstehen kann. Pfingsten ist das Wunder, dass Menschen, die sich voll Angst aus dem Leben zurückgezogen hatten, wieder ins Leben zurückfinden und erfüllt werden von Begeisterung für ein Leben. Für ein Leben, das ihnen Kraft und Zuversicht schenkt.

Soweit so gut. Doch wie kann ich das in meinem Alltag wiederfinden? Dazu nehme ich Sie mit in drei Geschichten, zu drei Menschen, in drei Erlebnisse. Sie sind Alltag. Alltag mit dem Glauben, mit der Gewissheit, begeistert zu werden und angenommen zu sein – mit dem, was jede und jeder einbringen kann.

 

 „Das Lied wird wieder öfter gespielt.“

Emilia fährt nach Hause. Die Arbeit für heute ist geschafft. Es ist trüb heute und so nasskalt. Das spürt sie am ganzen Körper. Eigentlich möchte Emilia nur noch zuhause ankommen und ganz für sich sein. Nichts anderes mehr hören und sehen. Doch im Auto und drum herum spielt sich das ganze Gegenteil ab. Emilia steht mitten im Berufsverkehr. Genervte Blicke. Lautes Hupen. Ungeduld auf den Gesichtern, wohin sie auch schaut. Und wirklich gut gelaunt ist sie auch nicht. Die Begeisterung hält sich auf allen Seiten in Grenzen. „Es ist 17:00 Uhr. Hier sind die Nachrichten.“, tönt es aus dem Radio. Das auch noch. Eine schlechte und furchtbare Nachricht nach der anderen – Krieg, Gewalt, Machtmissbrauch. So könnte man es zusammenfassen. „Wie soll man das noch aushalten?“, murmelt Emilia vor sich hin. Sie versinkt in ihren Gedanken. Fragt sich, wie es weitergehen soll – nicht nur heute, sondern auf dieser Welt. Denkt an die Menschen, die sie liebt und denen sie wünscht, dass es ihnen gut geht. Doch bleibt das so? Worauf kann sie sich noch verlassen? Was hat Bestand? Was begeistert sie noch im Leben? Plötzlich reißt sie eine bekannte Melodie aus ihren Gedanken: „Where is the love?“ von den Black Eyed Peas klingt aus ihrem Autoradio. „Haben sie das Lied mit Absicht nach den Nachrichten ausgewählt?“, fragt sie sich. „Das Lied wird wieder öfter gespielt.“, sagt Emilia vor sich hin. „Ist auch wahr. Die brauchen wir doch. Die Liebe. Die Liebe, die ansteckt und begeistert. Die ermutigt, sich einzusetzen und nicht nur ängstlich wegzuschauen.“ Die Ampel wird grün. Emilia kann endlich abbiegen.

 

„Das musst du tun, damit das Leben gelingt!“

Martin liegt auf dem Sofa. Mit dem Handy in der Hand scrollt er durch verschiedene Videos. Sie sind nur kurz. 15 Sekunden ungefähr. Videos zu den unterschiedlichsten Themen. Themen, die die Welt bewegen. Natürlich. Martin weiß eigentlich, dass ihm das nicht gut tut. Eigentlich. Doch er kann es auch nicht lassen und schaut es sich immer wieder an: Tipps, wie das eigene Leben schöner, besser, toller wird. „Das musst du tun, damit das Leben gelingt!“, ist da ein Leitsatz. Meditation, Yoga, Spaziergänge oder Kraftsport. Auf Zucker verzichten, kein Essen mehr nach 18:00 Uhr oder Fasten. Sich mit Freundinnen und Freunden treffen, sich Zeit für sich nehmen oder genau überlegen, welche Personen im eigenen Leben gut tun. Genug schlafen, nicht so viel Kaffee trinken, mehr lesen oder nicht so viel Bildschirmzeit. „Das ist doch jetzt auch zynisch!“, sagt Martin laut vor sich hin. Genervt wirft er sein Handy zur Seite. Das ist doch alles anstrengend und irgendwie setzt es ihn auch unter Druck. Jeden Tag hört er andere Dinge, die er tun sollte, die ihm total viel bringen würden und Vieles einfacher machen würden. Aber ist das wirklich so? Diese Frage stellt er sich immer öfter. „Müssen denn alle alles machen?“, fragt er sich. „Oder ist es nicht viel angenehmer, wenn man eben das tut, was man kann? Das macht doch Sinn. Die eigenen Gaben zu sehen und zu leben. Und andere Menschen dabei nicht unter Druck zu setzen, sondern die eigene Begeisterung zu teilen. Die Begeisterung dafür, das ganz Eigene zu teilen und andere genau dazu zu ermutigen. Denn so begegnen wir uns doch in Liebe und Akzeptanz. Kommt es darauf nicht an?“ Martin ist stolz auf sich. Er steht vom Sofa auf und lässt das Handy liegen.

 

 

„Es war so und es war gut so.“

Sophie holt die große, dunkelrote Kiste hervor. Heute ist der Tag. Heute möchte sie es Leo zeigen – den Inhalt der großen, dunkelroten Kiste. Die Kiste stand lang im Schrank versteckt. Sophie konnte sie nicht öffnen, ohne dass die Trauer über sie kam. Denn dazu befinden sich zu viele Erinnerungen daran. An Menschen, mit denen sie keinen Kontakt mehr hat. An Menschen, die sie verloren hat. An Erlebnisse, die ihr Leben geprägt haben. Doch heute hat sie Mut. Heute hat sie das Gefühl, frischen Wind zu atmen und neu auf das Leben zu blicken. Ganz überraschend überkam sie dieses Gefühl, diese Stärke. Doch es fühlt sich gut an. „Kommst du mal?“, ruft sie Leo zu. Sophie ist nervös, doch gemeinsam mit Leo öffnet sie die Kiste. Einige Karten fallen heraus: Geburtstagskarten, Urlaubskarten, Hochzeitseinladungen oder klassische Postkarten. Dazwischen sind viele Fotos versteckt: Manche sehen noch ganz neu aus und ihre Farben strahlen. Andere sind schon verblasst und ihre Erlebnisse, die sie zeigen, liegen schon weit zurück. Begeistert erzählt Sophie von unzähligen Erinnerungen und Leo hört aufmerksam zu. Zu fast jeder Karte oder jedem Bild fällt ihr etwas ein. So zeigt er sich: Ihr bisheriger Lebensweg. All die Fäden, die ihn gebildet und zusammengehalten haben. All die Menschen, die ihr Leben geprägt haben und es noch tun. All die Liebe, die sie geschenkt hat und die sie empfangen hat. Eine Träne läuft ihr über die Wange. „Heute ist es okay.“, sagt sie „Es war so und es war gut so.“

 

Das waren sie: Geschichten von und mit Menschen unter dem einen göttlichen Himmel. Menschen, die erfahren, wie Gottes Versprechen, wie die heilige Geistkraft wirkt – wie sie die Begeisterung spüren und weitertragen können. In ihrem Leben und in ihren Herzen.

Das ist Pfingsten! Pfingsten ist das Wunder, das Menschen aus ihrer Engstirnigkeit herausholen kann. Das von Berührungsängsten befreien kann und bereit macht mit anderen Menschen zu sprechen – ganz gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts, welcher Religion oder Sprache. Das ist Pfingsten! Und manchmal braucht es dazu ein Brausen vom Himmel, das uns aufweckt. Es braucht immer mal einen gewaltigen Wind, der uns durchrüttelt und zur Vernunft bringt. Es braucht eine Begeisterung, die uns in Bewegung bringt und Mut macht.

 

 

Ihre Pfarrerin Marie-Christine Weidemeyer



Liebe Gemeindeglieder!

Nein. Verliebt war ich nicht, doch angehimmelt habe ich sie schon. Meine Grundschullehrerin Maria Lange. 54 Jahre ist das her. Sie wäre jetzt in einem biblischen Alter. Aber sicher ruht sie längst in Abrahams Schoß. Und auch ich habe mittlerweile schon viel Leben hinter mich gebracht. Ja. Es gibt Menschen, die vergisst man nie. Warum auch immer. Vielleicht haben sie das gewisse Etwas. Charme. Ein gewinnendes Lächeln. Herz. Permanent gute Laune. Machen nichts kaputt. Vielleicht sind sie einfach auch nur so, wie unsereiner gern wäre. Nicht zu perfekt, aber wenigstens gut. Frau Lange war streng. In ihren Ansichten. Lehrmethoden. Der Kleidung. „Authentisch“ sagt man heute. Immer sie selbst. Sie brachte uns nicht nur die Flötentöne, sondern auch das Einmaleins der 60-er Jahre bei. Schönschrift. Respekt. Ordnung. Fleiß. Eben alles, was man damals für relevant hielt. Die Studentenrevolte hatte mein Heimatdörfchen nicht erreicht. Hier saß man auf dem Schlepper. Und nicht bloß rum. Las Kartoffeln. In der Bibel. Anderen die Leviten. Bestenfalls. Ging an die Arbeit. Nicht ins Fitnessstudio. Entwickelte ein unglaubliches Selbstbewusstsein und Weltbild. Eben eine Blase. Das kleine Paradies vor der eigenen Haustür. Frau Lange war kein Paradiesvogel, sondern eine graue Maus. Sah an der Fingerhaltung, ob wir beim Diktat Fehler machten. Und pflegte zu drohen: „Wagt es nicht, abzuschreiben. Ich habe hinten auch Augen“. Nach denen suchte ich jedoch vergebens. Eine Frau mit 4 Augen. Krass für einen 8- jährigen. Der verstand ja nicht, was sie meinte. Erkenntnis kam erst sehr viel später. Frau Lange interessierte sich nämlich für uns kleine Menschen. Aufmerksam und unverzagt tat sie tagaus tagein dasselbe. Grundschüler unterrichten in den wesentlichen Disziplinen. Lesen. Schreiben. Rechnen. Religion. Musik. Damit kam man über die Runden. Schuster, bleib bei deinem Leisten! Schullehrer oder Doktor werden andere. Die aus der Stadt. Unsereiner übernahm die elterliche Landwirtschaft oder ging ins VW-Werk. Zu Henschel in Kassel. Da hätte ein wenig mehr kritisches Urteilsvermögen nur gestört. Oder bestenfalls stracks in den Betriebsrat geführt.

 

Ich vermisse manchmal Menschen wie Frau Lange. Eine bescheidene Frau, die einen bei Gelegenheit zwar tadelte, aber zugleich das Gefühl vermittelte, wichtig zu sein. Eine Bedeutung zu haben, die man sonst im Alltag eher nicht fand. Bei ihr fühlte ich mich gesehen. Nicht beobachtet. Innerhalb der Familie lief man häufig bloß nur so mit und durch. Nebenher. Wohl denen mit Omas oder älteren Tanten, die zu Höchstform auflaufen, wenn es gilt! Die den Menschen in der Schlabberhose kennen und die zerrissene Jeans nicht stopfen, sondern wissen, das ist eine Botschaft! Wohl dem, der sich der Aufmerksamkeit eines anderen gewiss weiß. Der sich gesehen und wahrgenommen fühlt. Angenommen. Und nicht sofort beurteilt. Frau Lange ließ uns ausreden. Konnte zuhören. Wusste natürlich alles besser. Aber das musste sie ja auch von Berufswegen. Sie nahm uns ernst. Wir waren ihr wichtig. Lagen ihr am Herzen. Gingen ihr nicht auf die Nerven. Das, was sie dazu beitragen konnte, aus Buben und Mädchen alltagstaugliche Menschen zu machen, behielt sie nicht für sich. Sie brachte uns allerhand bei. Ordentlich Wissen. Das Gewissen. - Gewiss. Aber vor allem Empathie. Sympathie. Einen Sensor für das Wahre, Schöne und Gute. Sie holte den Menschen aus uns heraus, der über der Person und seiner Funktion steht. 4 Augen sehen halt besser als nur 2!

 

Jesus war auch so einer. Zuerst kommt der Mensch. Dann die Menschenordnung. Der ließ nie locker, sondern blieb am Ball. Hakte und fragte nach. Machte sich nichts vor. Aber viele ihm vieles nach. Menschsein ist wohl das Schwerste, was es gibt. Insbesondere in Zeiten wie diesen. In Stapelkrisen. Verunsicherungen. Stimmungs- und Angstmache. Dem kaputten Klima. Gerade deshalb möchte ich anderen zum Segen werden. Frau Lange würde sagen: „Du schaffst das!“

 

Ihr

 

 

Hilmar Jung


Liebe Gemeindeglieder!

Stör ich?“ Mit diesen Worten wurde Mutter Beimer aus der „Lindenstraße stets vom katholischen Pfarrer Matthias Steinbrück begrüßt, wenn er seine Angebetete Marion besuchen wollte. Stör ich? Passt es gerade? Ich selbst ertappe mich dabei, immer öfter tägliche Kontaktaufnahmen oder gar ein Gespräch unter Freunden damit zu beginnen. Störfaktor Mensch?! Störungen haben Vorrang. Lernte ich einst im Predigerseminar. Nun. Wenn ich dem nachgäbe, hätte ich permanent alle Hände voll zu tun. Störungen sind Unterbrechungen. Sie verhindern den reibungslosen Ablauf eines durchgetakteten Tages. Verursachen Chaos und werfen uns aus der Bahn. Störungen passen schlecht ins Bild des perfekten Zeitmanagements. Sie sind der schwarze Fleck meiner Biografie und halten mich auf. Oder vom Wesentlichen ab. Bitte nicht stören! Warum eigentlich nicht?! Viel Übles meldet sich vorher nicht an. Probleme kommen meist zur Unzeit oder nach Feierabend. Es gibt ihn nicht, den perfekten Moment, unglücklich zu sein. Das verstört. Ich bin gestört. Möchte in der Ruhe bleiben, um sie zu haben. Störungen werden folglich sofort beseitigt. Keiner arrangiert gern sich mit ihnen. Schließlich werfen sie aus dem Gleichgewicht. Fordern heraus. Kosten Kraft. Dabei sind Störungen eine Art Notbremse. Warnhinweis. Rote Ampel. Stoppsignal. Schutzmantel. Eine Auszeit.

 

Manchmal denke ich, das Weihnachtsgeschehen ist auch solch ein Störfall. Gott mischt sich ein ins Getriebe dieser Welt, die scheinbar ganz gut mit sich selbst zurechtkommt. Jeder macht, was er will. Keiner, was er soll. Dabei möchte man nicht gestört sein. Alles soll laufen. Leute ihren Rollen entsprechen und Verhältnisse so bleiben, wie sie sind. Philosophen nennen das Tradition. Und die kann ja nicht schlecht sein. Vielleicht aber nimmt sich der Mensch einfach viel zu wichtig. Unterschlägt in seiner Bilanz schlicht und ergreifend den Aktivposten Gott. Da musste dieser doch nun endlich handeln und sich ins Geschehen einmischen. Und störte dann richtig. Unser Schicksal ist Chefsache. Weihnachten. Gott im Außendienst. Er wird einer von uns. Ist bei uns. Mit uns. Für uns. Das Geschehen in Bethlehems Stall ließ für den Moment die Zeit stillstehen. Ein König bangt um seinen Thron. Bekommt Angst vor einem Kind. Weise Männer, die die Ordnungen kennen, gehen vor dem in Windeln gewickelten Säugling in die Knie. Sie haben das Zeichen verstanden. Hier und jetzt bleibt nichts und niemand dem reibungslosen Ablauf förderlich. Außenseiter sind plötzlich mittendrin im Geschehen. Hirten begegnen dem Heiland auf Augenhöhe. Der Unfassbare kommt zum Greifen nah. Halleluja!

 

Weihnachten ist, damit die Menschheit nicht gottlos wird. Der Höchste macht sich klein, um denen zu begegnen, die sich ständig so fühlen, weil andere sie so behandeln. Im Kind in der Krippe zeigts uns Gott mal so richtig. Er ist da, wo er hingehört. Unter uns. Ist gerne ganz unten. Damit wir hoch hinaus können und ihm nicht länger im Weg stehen. Ihn daran hindern, unser Gott zu sein. An Weihnachten erweist uns der Allmächtige einen Liebesdienst. Bringt den Himmel mit auf die Erde. Und keiner merkts. Aber vielleicht ist das auch die ganz große Störung. Dass sie sich einfügt in den wunderbaren Plan von Gottes tiefem Frieden. Das, was uns von ihm trennt und daran hindert, gerne Mensch zu sein, überwindet er durch seine Nähe. Gott ist da. Dort, wo wir ihn nicht suchen. Wo ihn keiner vermutet, weil man Erhabenes nur unter Seinesgleichen sucht. An Weihnachten steht alles Kopf. Die Störung der Gewohnheit setzt eine Welle in Gang, die mitreißt. Seit über 2000 Jahren. Sie trägt noch. Und immer wieder. Denn so ist Gott. Er hat Gutes mit uns im Sinn und lässt es uns spüren. Ja. Wer nicht hören will, muss fühlen. Deshalb alle Jahre wieder Weihnachten.

 

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches und gesegnetes Christfest im Kreise Ihrer Lieben und ein behütetes 2024!

 

Ihr

 

Hilmar  Jung



Wunder gibt es immer wieder

August 2023. Ich sitze gerade hier und schreibe diese Worte für den Gemeindebrief. In fast allen Bundesländern sind Sommerferien. In vielen digitalen Netzwerken sind Urlaubsfotos von nah und fern zu sehen und das Thema „Urlaub“ ist ein täglicher Begleiter: „Wo geht’s denn hin in den Urlaub?“ „Fahren Sie dieses Jahr auch weg?“ „Die Autobahnen sind ja mal wieder total voll!“ „Zuhause ist es doch auch schön!“ – wahrscheinlich fallen Ihnen noch mehr oder ähnliche Sätze ein.

 

Das hat meine Erinnerungen an vergangene Urlaube geweckt. An einen meiner Urlaube musste ich in besonderer Weise denken: an meine Reise in die USA im Jahr 2010. New York, Boston und Maine – das waren die Ziele dieser Reise. Ich denke noch oft an diesen Urlaub und an die vielen beeindruckenden Erlebnisse zurück und kann jeder und jedem empfehlen, auch mal dorthin zu reisen.

 

Doch ein Ort in New York hat mich nachhaltig beeindruckt und gerührt. Nur wenige Meter von Ground Zero entfernt, dem Ort, an dem bis zum 11. September 2001 die beiden Türme des World Trade Centers standen, steht eine kleine Kapelle – die St. Paul’s Chapel. Wie durch ein Wunder überstand diese Kapelle den Terroranschlag auf das World Trade Center, das direkt gegenüber lag.

 

Innerhalb weniger Tage nach dem 11. September 2001 rief St. Paul‘s einen Seelsorgedienst ins Leben, an den sich v.a. die Hilfskräfte an Ground Zero täglich, rund um die Uhr wenden konnten. In den folgenden acht Monaten arbeiteten mehr als 14.000 Menschen gemeinsam in zwölf-Stunden-Schichten, um Hilfskräften Mahlzeiten zu bringen, einen Schlafplatz zur Verfügung zu stellen sowie Beratung und seelsorgerische Betreuung zu bieten. So wurde diese kleine Kapelle für ca. 2.000 Personen täglich eine Stätte der Ruhe und der Hoffnung. Am 11. September 2005 wurde die St. Paul’s Chapel als Zentrum für eine internationale ökumenische Friedensbewegung eingetragen.

 

Ich habe diese Kapelle während meines Urlaubs in 2010 besichtigt. Sie war zu dieser Zeit vor allem ein Ort des Gedenkens. So sehe ich noch immer Fotos, Kuscheltiere, Briefe und unzählige leuchtende Kerzen vor mir, die an die Verstorbenen dieses Anschlags erinnern.

 

All die Eindrücke und Emotionen, die ich während meines Besuchs wahrgenommen habe, lassen sich kaum in Worte fassen. Doch ich bin mir sicher: Es war kein Zufall, dass die kleine Kapelle den Anschlag des 11. September 2001 fast schadensfrei überstanden hat und ein so bedeutender Ort der Hilfe und der Hoffnung für viele Menschen wurde. Das war ein Wunder! Ein Wunder für Hoffnung in unfassbarem Leid und Zweifeln. Ein Wunder für Frieden und Menschlichkeit.

 

Möge Gottes Segen Sie auf all Ihren Reisen begleiten! Und falls Sie mal in New York oder in der Nähe davon sein sollten: Ein Besuch in der St. Paul’s Chapel lohnt sich!

 

Ihre Marie-Christine Weidemeyer

 

 


Liebe Gemeindeglieder!

„Achchchchtung! Alles hört auf mein Kommando! Kompaniiiie. Stiilllllgestanden!“ Noch 42 Jahre später dröhnt mir die Stimme von Oberleutnant Löcherbach im Ohr, als er auf dem Kasernenhof uns Rekruten daseinsverändernde Befehle mitzuteilen wusste. Wenige Worte nur. Staccato gebrüllt, damit sie die sensiblen Hirne der 19-jährigen ganz sicher auch auf der intellektuellen Festplatte speichern würden. Entscheidendes braucht anscheinend eher selten schmückendes Beiwerk, um Eindruck zu hinterlassen. Aktuell sind WhatsApp- und Sprachnachrichten das Mittel der Basiskommunikation. Der Inhalt reduziert auf wenige Worte. Gern auch ohne Punkt und Komma. Ich persönlich mag‘s ein bisschen barocker. Damit mein Verstand selber den Gehalt der Botschaft herausfiltern kann. Kürzlich im Theater hörte ich aus dem Souffleurkasten den Text des Hauptdarstellers klingen, der ihn wohl vergessen hatte. Ja. Wenn es darauf ankommt, soll die Nachricht einfach sitzen. Die Botschaft muss ankommen, sonst wird das nichts. Leider sind im Alltag nicht permanent Souffleusen im Einsatz, die mir die richtigen Worte und Gedanken sinngemäß präsentieren. Da bin ich häufig eher sprachlos. Und kriege trotzdem den Mund nicht wieder zu. Ich erfahre mein Leben als den großen Stresstest, der mich an Grenzen führt. Apropos. Bereits in der Schule nützte das Vorsagen nicht wirklich etwas, weil selbst der älteste Lehrer mit Sicherheit noch die besten Ohren hatte. Und wer einen Klassenkameraden nicht mochte, dann sagte er dem eben falsch vor! Nein. So geht das nicht! Im Alltag brauche ich Rückgrat und eigene Worte, um gut über die Runden zu kommen. Da möchte ich aussprechen, was ich denke, weil ich darüber nachgedacht habe, was ich sage. Denn ich bin gerne ich. Und hauptberuflich Mensch. Deshalb arbeite ich nicht nur an meinen Schwächen, sondern trainiere auch die Stärken. Damit die nicht unter die Räder kommen.

 

Jesus war auch so einer, der den Leuten weder Befehle erteilte oder vorsagte noch das Nachdenken abnahm. Nein. Wen er ins Team holte, sollte künftig schon auf eigenen Füßen stehen. Und sich von anderen nicht permanent verunsichern lassen. Jesus wollte beseelte Herzen und beherzte Seelen, auf dass seine Anhänger im Leben selber klarkämen. Er wusste, er würde nicht immer bei ihnen sein. Höchstens ewig. So wurden sie geschult. Ermutigt und ermuntert, den eigenen Weg in den Glauben getrost und gewiss zu gehen. Die, die er im Boot haben mochte, waren weder gecastet noch gecoacht. Die hatten nur wenig auf den Rippen und kaum Durchhaltevermögen. Bloße Randnotizen, die von der Hand in den Mund lebten und wahrlich alles andere als Glückspilze. Ganz kleine Fische oft. Dafür große Angsthasen. Folglich perfekte Voraussetzungen, einmal Weltgeschichte mit ihrer Biografie zu schreiben. Genau die rief Jesus nämlich heraus aus der Gewohnheit und stellte sie hinein ins Licht der Öffentlichkeit. Dort begannen die kleinen Lichter zu leuchten. Warfen keinen Schatten, sondern sprühten Funken. Berührten die Sprachlosen oder versalzten den Wortakrobaten die Suppe. Allein dadurch, dass Jesus ihnen zutraute, gut genug für Gott in der Welt zu sein, wuchsen sie über sich hinaus. Zugleich scheiterten sie permanent an sich selbst. Vergaßen ihren Text. Nahmen den Mund oft viel zu voll. Sie ließen den Meister in der Stunde der allerhöchsten Not im Stich. Behaupteten sogar, dass sie ihn nicht kennen. Doch Jesus ließ sie nicht fallen wie eine heiße Kartoffel. Nein. Er schubste seine Freunde an Ostern zurück in den Alltag, damit sie dort nichts anderes, wohl aber vieles anders machten. Und manches wurde tatsächlich viel einfacher. Weil sie aus Glauben lebten. Und von der liebevollen Aufmerksamkeit des Auferstandenen. Gott braucht keine Abziehbilder, sondern Originale. Keine Souffleure, sondern Aktivposten. Auf dass das Leben immer auch nach meinem eigenen Glauben schmeckt.

 

 

Ihr Hilmar Jung



„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1. Buch Mose 16, 13)

Jahreslosung 2023

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

in der Bibel, im Alten Testament, ganz am Anfang, gleich auf den ersten Seiten findet sich eine, wie ich finde, wunderbare Beschreibung für Gott. Eine Frau, namens Hagar, beschreibt Gott folgendermaßen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das ist eine der schönsten Bezeichnungen für Gott, die ich kenne. Gott sieht mich. Lässt mich nicht allein. Und das nicht als „großer Aufpasser“ oder als  „übermächtiger Kontrolleur“. Nein, Gott schaut liebevoll nach mir. Möchte, dass es mir gut geht und hilft mir in der Not. 

 

Hagar gibt Gott diesen Namen, weil sie aus ihren Erfahrungen mit ihren Mitmenschen, weiß, was es bedeutet, nicht gesehen zu werden. Was es bedeutet, als Mensch nicht beachtet zu werden. Links liegen gelassen zu werden. Nicht dazu zu gehören. In einer völlig ausweglosen Situation auf der Flucht zu sein. Ganz erstaunt fügt sie ihren Worten hinzu – so erzählt es die biblische Geschichte: „Habe ich hier wirklich denjenigen gesehen, der sich nach mir umsieht?“  „Nach mir,“ denkt sie sich „die sonst keiner beachtet?  Nach mir, die nur ein kleines Rädchen ist?  Nach mir, bei der keine merkt, wenn ich auf einmal nicht mehr da wäre?“ Und ihre klare Antwort lautet: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ 

Das, was hier in der Bibel geschildert wird, ist, aus der Zeit dieses biblischen Textes heraus betrachtet, etwas ganz Besonderes: Eine Frau, zudem noch eine Sklavin, gibt Gott einen Namen. Sie redet nicht nur mit Gott, sondern findet auch Worte für ihre gemeinsame Begegnung. Für ihre Erfahrung. Und drückt es in diesen wunderbaren Worten aus: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

 

Gott schickt einen Engel zu Hagar, der sie anspricht, der sie anhört. Der ihr zuhört. Der ihr Mut macht. Der ihr Nähe und Zuwendung signalisiert, der ihr Orientierung gibt. Hagar macht die Erfahrung, dass sie auch in der Wüste, in der Einsamkeit nicht allein ist. Dass Gott seine Helferinnen und Helfer schickt, die nach den Menschen schauen. Das ist ein tröstlicher Gedanke, finde ich. Das ist eine Hoffnung schenkende und Mut machende Erfahrung.

 

Der Gott des Lebens wendet sich den Menschen zu. Wendet sich nicht von ihnen ab. Hält es aus, hin zu sehen, auch wenn sie es schon gar nicht mehr können. Zeigt jeder und jedem, dass er oder sie gesehen ist. Beschützt ist. Gesegnet ist. Mit all dem, was man mit sich bringt.

 

Mögen diese Worte Sie in diesem Jahr begleiten. Ihnen Hoffnung geben. Ihnen das Gefühl geben, nicht allein, sondern gesehen zu sein. Angenommen, so wie Sie sind. Denn: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

  

Ihre

Marie-Christine Weidemeyer

 


Liebe Gemeindeglieder,

müsste ein Kandidat bei „Wer weiß denn sowas!?“  folgende Frage beantworten: „Warum ist Hilmar Jung Pfarrer geworden?“, blieben 3 Antworten möglich. A: Weil er gern bei fremden Leuten isst. B: Weil er nichts anderes kann. C: Weil er sich um die Wahl der passenden Kleidung keine Gedanken machen muss. Nun, wer mich gut kennt, wird sich nicht entscheiden können. Aber richtig wäre C. Pfarrer sind Uniformträger. Das ist recht bequem. Erspart viel Zeit und Geld. Und die jeweilige aktuelle Mode kann einem egal sein. Ein Pfarrer ist stets leicht erkennbar. Eben am schwarzen Gewand. Darüber hinaus am ernsten Gesichtsausdruck sowie dem gebeugten Gang. On top noch das Kreuz am Revers. Den Fisch auf der Heckklappe des Autos. Und im Gottesdienst der Talar. Dafür will ich mich wirklich nicht schämen. Pfarrer muss es auch geben. Als die, die alles verstehen, nachvollziehen und kommentieren. Sie wissen stets Rat. Auch ohne Tat. Finden die passenden Worte und formulieren Bedenken. Viele kennen noch die guten, alten Zeiten, da der Herr Pastor als Hirte die Herde führte und lenkte. Heutzutage muss man öfters schon mal auf Nachfrage seinen Beruf erklären. Und erntet dabei Respekt oder Mitleid. „Ach. Gab es denn für sie nichts Passenderes? Ich könnte das nicht!“

 

Zuweilen möchte ich dann Gott mal fragen, warum er denn ausgerechnet Mensch wurde. Und das auch noch zur Weihnachtszeit. Vielleicht würde er grinsen und antworten: „Du, ich kann einfach nicht anders. Ich mag Menschen. Sie sind schließlich meine beste Idee. Und deshalb lasse ich sie doch mitten im größten Chaos nicht im Stich!“ Ja. An Weihnachten macht sich Gott bemerkbar. Auf sein Kommen hatte die Welt nur gewartet. Es war vor 2000 Jahren wahrlich nicht ganz leicht, als Mensch unter Menschen zu leben. Zuversichtlich zu bleiben. Als Tollpatsch unter Entscheidern. Als kleines Licht unter den großen Stars. Als Friedliebender unter Kriegswütigen. Viele sehnten sich deshalb nach dem Gott zum Anfassen. Sie wollten sehen und spüren, wie freundlich der Herr ist. Und dann wurde er Mensch. Lässt sich blicken. Kam an. Jedoch nicht immer und überall. Geradezu verwechselbar. Vom Himmel hoch herab auf die Erde, um begreifbar zu sein. Nicht allerorten wurde er erkannt und anerkannt. Der sehnsüchtig erwartete Helfer ward in einem Stall geboren. In der erstbesten Gesellschaft der Ausgestoßenen und Strauchdiebe. Einen zu menschlichen Gott hatte man dann aber doch nicht gewollt.

 

Aber so ist Gott. Der Schöpfer liebt sein Geschöpf. Deshalb macht er sich erfahrbar. Mitten im Alltag. Bei denen, die am Rande stehen, ganz unten sind oder längst abgestempelt als die, die es eh nie nach oben schaffen werden. Gott verweilte schon immer liebend gerne bei denen, die es nötig haben. Damals wie heute. Dennoch gilt es, abzuwarten. Vor dem Heiligen Abend kommt der Advent. Advent ist beileibe keine Vorweihnachtszeit, notwendiges Übel, ohne das die schönsten drei Tages des Jahres nicht zu haben wären oder das vierwöchige Erntedankfest der Konsumgüterindustrie.  Nein. Advent heißt: Warts ab. Gott ist im Kommen. Und deshalb bereite dich darauf vor, damit du das Ziel nicht aus den Augen verlierst. Der Advent ist eine Art Auszeit und die große Chance, nachdenklich zu werden. Auch darüber, was ich vom Leben angesichts des Jetzt in Zukunft noch alles erwarte. Hoffentlich nicht bloß ein Finale bei der Fußball - Weltmeisterschaft Deutschland gegen England am 4. Advent! Wir Menschen geben uns leider allzu oft mit dem Vorläufigen, dem Schein oder Blendwerk zufrieden. Wir halten angestrahlte Kirchen und Lichterketten für wesentlich. Advent meint aber gerade auch das Dunkel. Die Kälte aushalten. Das Vorläufige. Ungemütliche. Das Beste kommt schließlich erst noch! Weihnachten ist, weil Gott Mensch wurde. Weihnachten ohne ihn geht gar nicht. Ist sinnlos. Daher macht er uns ein wunderbares Geschenk. Sich selbst in Jesus Christus. Dies himmlische Kind hat den Gang der Welt nachhaltig verändert. Ja. Gott kann sich durchaus sehen lassen. Das meint Weihnachten. Deshalb bin auch ich persönlich immer wieder gerne erkennbares Bodenpersonal. Ohne Wenn und Aber. Mit viel Hoffnung!

 

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest im Kreise lieber Menschen und Gottes treues Geleit durch das Jahr 2023!

 

Ihr

Hilmar Jung



Liebe Gemeinde,

„Du bist da, du bist da, bist am Anfang der Zeit, am Grund aller Fragen bist du.“  Vielleicht summt die eine oder der andere die Melodie dieses Liedes schon vor sich hin. Mir ging es so – sie hat nämlich großes Ohrwurmpotential, finde ich.

Diese Zeile ist der Beginn eines Liedes aus dem EG+: „Du bist da.“ Ein einfacher Titel, der nur aus drei kurzen Worten besteht. Drei kleine Worte, mit großer Bedeutung. Die zeigen, dass man nicht allein ist. Die verdeutlichen, dass Gott da ist. Überall. Auch wenn man es nicht spüren kann. So wie das Lied es beschreibt.

 

Sie sitzt am Meer. Die Wellen rauschen. Der Wind bläst ihr um die Ohren. Sanft lässt sie den Sand durch die Hände rieseln. Unter ihr eine weite Dünenlandschaft. Ein wunderschöner Ausblick. Urlaub. Auszeit. Das tut gut. Das genießt sie. Doch sie weiß, dass sie zurück in den Alltag muss. Da, wo die Dinge auf sie warten, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Für die sie hier eigentlich Kraft tanken möchte. Wichtige Gespräche im Job, neue Herausforderungen, neue Menschen. Sie fragt sich, wie das alles werden soll. Wie sie das schaffen wird. Sie wird unruhig. Stochert mit einem Stock im Sand herum. Schaut doch auf ihr Handy. Da fällt ihr dieses Lied ein. Und sie beruhigt sich wieder.

1.     „Du bist da, du bist da, bist am Anfang der Zeit, am Grund aller Fragen bist du. Bist am lichten Tag, im Dunkel der Nacht, hast du für mich schon gewacht.

Nähme ich Flügel der Morgenröte, bliebe am äußersten Meer. Schliefe ich ein im Reich der Toten, würde statt Nacht Licht um mich sein.“

 

Der erste Tag in der Schule. Nicht mehr im Kindergarten. Jetzt ist er in der ersten Klasse. Voller Stolz steht er da. Mit der Schultüte in der Hand. Den Schulranzen auf dem Rücken. Klar, er ist stolz – keine Frage! Aber so ganz geheuer ist ihm das noch nicht. Im Kindergarten kannte er sich aus. Mochte seine Gruppe und spielte fast täglich mit seinem Lieblingsspielzeug. Doch in der Schule – da ist das nicht so. Gut, dass heute vertraute Personen dabei sind. Bei seiner Einschulung. Da kann er sich anlehnen oder doch mal die Hand halten. Und da wird so ein Lied im Einschulungsgottesdienst gesungen. Das bleibt ihm irgendwie im Kopf.

2.     „Du bist da, du bist da, bist am Anfang der Zeit, im Arm einer Mutter bist du. Bist am lichten Tag, im Dunkel der Nacht hast du für mich gewacht.

Sitze ich da oder leg mich nieder, mache mich auf und ich steh. Meine Gedanken kennst du von ferne, weißt ganz genau, wohin ich geh.“

 

Letzte Woche war es so weit. Da stand die Matheklausur an. Die, die darüber entschieden hat, welche Note im Zeugnis stehen wird. Sie hat hoch gepokert und auf Lücke gelernt. Gehofft, dass eins der Themen drankommt, die sie gelernt hat. Jetzt hat sie die Klausur wieder in der Hand. Vorsichtig macht sie das Heft auf. Ihr Herz schlägt. Bestanden! „Gott sei Dank!“, sagt sie. „Aber das ist mir echt alles ein Rätsel.“ „Ob Gott dir dabei geholfen hat, stelle ich jetzt mal in Frage.“, sagt ein Mitschüler. Naja. Gelernt hat er nicht mit ihr. Aber: War er da? „Ich glaube schon.“, denkt sie.

3.     „Du bist da, du bist da, bist am Anfang der Zeit, das Rätsel des Lebens bist du. Bist am lichten Tag, im Dunkel der Nacht hast du für mich gewacht.

Stehe ich staunend am Strand und träume, zähle die Körner im Sand. Lote ich aus die Meerestiefe, sehe hinauf ins Sternenhaus.“

 

Er blickt in den Himmel. Wie unendlich weit der Himmel doch ist. Wer weiß denn schon, was sich in diesen Weiten alles verbirgt? Was da wirklich ist. Mit seiner Frau hat er oft in den Himmel geschaut. Sie mochte es, die Sterne zu beobachten. Mit viel Fantasie ein Sternbild zu entdecken. „Und jetzt bist du da oben?“, fragt er sich leise. Noch immer denkt er an die Beerdigung zurück. Noch ist es nicht so lange her. Wer weiß, wo sie nun wirklich ist. Er hatte jetzt nicht wirklich viel in seinem Leben mit Gott oder der Kirche zu tun. Eher so beiläufig. Wie das eben so ist. Doch die Gedanken der Pfarrerin bei der Beerdigung lassen ihn nicht los: „Sie ist nun geborgen bei Gott.“ Das tröstet ihn und schenkt ihm Wärme. Er zündet das kleine Grablicht an und macht sich wieder auf den Nachhauseweg. 

4.     „Du bist da, du bist da, bist am Anfang der Zeit, auch jenseits der Sterne bist du. Bist am lichten Tag, im Dunkel der Nacht hast du für mich gewacht.“

 

Gott ist da. Auf den Wegen des Lebens. Oder wie es in dem Psalm heißt, auf den dieses Lied Bezug nimmt: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Ps 139, 5).

 

 

 

Pfrin. Marie-Christine Weidemeyer



Liebe Gemeinde,

Martin ist in Rente. Vor wenigen Wochen wurde er 60. Nach 41 Arbeitsjahren musste die Firma ihm das noch nicht einmal durch einen goldenen Handschlag versüßen. Nun hat er keine Termine, sondern Zeit. Aber auch keine Sekretärin, die den Tag strukturiert, manches abnimmt oder von ihm fernhält. Die Kinder sind längst aus dem Haus. Seine Frau betont eigenständig. Kein Hund, der morgens raus will. Kein Garten, der nach Pflege verlangt. Und die betagte Mutter ist gut versorgt. Plötzlich ist er allein für sein Schicksal verantwortlich. Muss weder Herausforderungen bewältigen, weitreichende Entscheidungen treffen noch in Nachtsitzungen über die neue Strategie zur Rettung des Planeten konferieren. Jetzt sind die Junioren dran. Für ihn bleibt die Seniorenkarte. Im Fußballverein kickt er bei den alten Herren. Die Feuerwehr verabschiedete ihn elegant in die Ehrenabteilung. Beim Tennis geht ihm mittlerweile rasch die Puste aus. Bleibt vielleicht Golf. Aber für so erwachsen fühlt sich Martin dann doch noch nicht. Martin war ein Arbeitstier. Morgens der erste. Und als Letzter machte er oft das Licht aus. Gutes Geld hatte er verdient. Kam viel rum und lebte an Orten, an denen andere nicht mal Urlaub machten. Seine Welt war besonders. Funktionierte und bestand aus wenig Alltag. Eine Blase. Goldener Käfig. Man sorgte bestens für ihn, damit er alles für die Firma geben konnte. Und Martin gab 120%.

Dann die Vollbremsung. Der Ruhestand. Von 120 auf null in wenigen Sekunden. Für ihn eine Bruchlandung im ganz normalen Leben. Seine Frau füllte den Kühlschrank schon lange nicht mehr auf. Sie ist auf Dauerdiät. In der sündhaft teuren Küche im exklusiven Eigenheim in bester Lage wurde noch nie gekocht. Sie könnte Schaden dabei nehmen. Für Familie und Freunde blieb früher nie wirklich Zeit. Beziehungen wollen gepflegt, erlebt, intensiviert und gestaltet sein. Das passte so nicht in den Terminkalender. Stresste kolossal. Martin weiß vom Leben der anderen aus dem Fernsehen. Die Nachrichten bringen Berichte über Einzelschicksale, Biografien und Tragödien. Von Eltern, die entnervt einen Kita-Platz in der Nähe suchen. Von der bezahlbaren Wohnung erst gar nicht zu reden. Von Schülern, die seit Monaten mit Maske unterrichtet werden und noch nie das Gesicht ihres neuen Klassenlehrers im Vollbild sahen. Von jungen Familien, die zur Tafel gehen und Frauen mit 4 Minijobs. Martin fremdelt mit den Nachbarn. Dem Rest der Familie. Den alten Kumpels aus der Schule. Seine Probleme spielen in einer anderen Liga. Seine Sorgen haben Niveau. Denkt er. Nach einem Blick auf den letzten Kontoauszug kam wieder Freude auf. Er hatte auf das richtige Pferd gesetzt. Fantastisch, wenn nicht man selbst, sondern das Geld für einen arbeitet! Martin denkt mit dem Kopf. Andere mit dem Herzen. Wie seine betagte Mutter. Eine fromme Frau. Flüchtling einst. Mit einem Pappkoffer aus der Ukraine nach Kassel gespült. 1944. Sie hängt in ihren Erinnerungen fest. Und an ihrem Glauben. „Junge, vergiss unseren Herrgott nicht!“ - sagt sie bei seinem letzten Besuch.  Erwischt. Martin wird’s ungemütlich. Gedanken an den Kindergottesdienst und den Konfirmandenunterricht, die Freizeiten mit dem jungen Pfarrer sowie die langen Nächte am Lagerfeuer steigen hoch in die Seele. Er gönnt sich die stumme Reise in die Vergangenheit. Plötzlich fällt ihm sogar der Vers ein, den ihm Pastor Lämmerhirt vor 46 Jahren zur Einsegnung mit auf den Weg gab: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch!“ Ein Wort aus dem ersten Petrusbrief, wie er sofort googelt. Ja. Gott hat auf seine Weise für ihn gesorgt. Ihn gewissermaßen überversorgt. Total verwöhnt. Doch alles hat seine Zeit. Vielleicht war jetzt der Moment, sich dem Leben neu zu stellen. Die Komfortzone zu verlassen. Martin gibt der Mutter einen Kuss und verspricht, am Sonntag mit ihr in den Gottesdienst zu gehen. Dann wählt er die Nummer vom Pfarrbüro und sagt: „Ich bin Martin und habe Zeit. Was kann ich für den Rest der Welt tun?“

 

 

Hilmar Jung


Friedensgebet

Der Krieg in der Ukraine erschüttert weiterhin diese Welt. Die Bilder und Berichte von unfassbarer Gewalt und großem Leid machen sprachlos und sind kaum noch auszuhalten. In solchen Ängsten und Ungewissheiten kann es gut tun, die eigenen Sorgen und Ängste vor Gott zu bringen. Gott diese Gedanken anzuvertrauen und zu spüren, dass man nicht allein ist.

So finden Sie in diesem Gemeindebrief ein Friedensgebet, dass Sie für sich allein oder gemeinsam mit anderen Menschen sprechen können.

Bleiben sie behütet!

 

Gott, was denkst du, über das, was geschieht?  Da in der Ukraine. Von Russland angegriffen. Du hast Gedanken des Friedens. So sagt es die Bibel.

Ein Krieg hat begonnen. Menschen starben. Und wir haben Angst. Zu viel Bosheit und Sturheit. Hass und Hetze. Wo gibt es Halt? Wo gibt es Hoffnung?

So sagen wir: „Licht des Friedens, leuchte!“

 

Wir schauen nach Russland und in die Ukraine, Gott. Und das Herz wird schwer. Wie kann es sein, dass Bosheit und Unvernunft siegen? Dass Sturheit und Machtgier sich durchsetzen? Und wo bist du? Ach, Gott, wie sehr wir uns das wünschen: Dass du etwas tust. Damit Friede sich ausbreitet. Und Menschen leben können. Ohne Angst vor Bomben und Granaten. Ohne Angst davor, einen geliebten Menschen zu verlieren. Ohne Angst davor, fliehen zu müssen.

So sagen wir: „Licht des Friedens, leuchte!“

 

Guter Gott, sei du den Menschen in der Ukraine nah. Lass sie deine Geborgenheit spüren. Denen, die um ihr Leben fürchten müssen. Die, denen ihre Freiheit genommen wird. Die einen geliebten Menschen vermissen. Die um einen geliebten Menschen trauern. Die um Frieden kämpfen müssen. Die fliehen und gar nicht wirklich wissen, wo sie Schutz finden können. Die diese Angst und Ungewissheit aushalten müssen. Sei du ihnen nah in ihrer Angst und schütze sie.

So sagen wir: „Licht des Friedens, leuchte!“

 

Ewiger Gott, wir bitten dich:  Pflanz deine Gedanken des Friedens ein in die Köpfe der Mächtigen. In die Herzen derer, die jetzt um Frieden verhandeln. Lass sie nicht müde werden, dafür einzustehen. Gib Hoffnung und Zukunft. Und klaren Verstand. Damit Friede sich ausbreitet. Bewahre uns davor, die Hoffnung zu verlieren.

So sagen wir: „Licht des Friedens, leuchte!“

 

Guter Gott, es tut gut unsere Sorgen und Ängste vor dich bringen zu können. Du, Gott, bis unsere Zuversicht und Stärke. Eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Ein Hoffnungslicht in der Dunkelheit.

 

So sagen wir: „Licht des Friedens, leuchte!“